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Komplott

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Das Komplott LESEPROBE
 
Zimmer 126 war kein Gerichtssaal, sondern ein Besprechungsraum
im Landgericht, den der Anwaltsverein
für seine Mitglieder gemietet hatte. Als von Denker
bei der Sekretärin telefonisch nachfragte, wer morgen
um 8 Uhr eingetragen war, wurde ihm sein eigener
Name genannt. Sebastian von Batzenheim hatte also
keinen Zweifel daran gehabt, dass sein Auftrag angenommen
werden würde. Um vielleicht doch noch zu
erfahren, worum es bei der Besprechung am nächsten
Tag ging, blätterte der Anwalt die Ausgaben der HAZ
aus den letzten Wochen durch. Doch das Ergebnis war
nicht ergiebig: Außer Berichten über Reichtum und
Wohltaten seines neuen Klienten war nichts, das auf
den Inhalt des morgigen Gesprächs hinweisen konnte.
 
Und jetzt war es soweit. Von Denker stand kurz vor der
Besprechung, die ihn so beschäftigt hatte. Er war inzwischen
im letzten Zimmer angelangt, an dessen Querwand
sein Spind stand. Da er noch nicht lange Mitglied im Anwaltsverein
war, hatte er einen der letzten Schränke erwischt.
Hier herrschte völlige Dunkelheit, weil die anderen
Schrankreihen das spärliche Außenlicht nahmen. Er
tastete sich an den glatten Oberflächen entlang und
zählte. Sein Ziel war der dritte Schrank von links.
Er hatte ihn fast erreicht, als er plötzlich über ein
Hindernis stolperte und auf einen weichen Gegenstand
fiel. Mit einem Fluch begann er sich aufzurichten, wobei
er sich mit der rechten Hand auf dem Boden abstützte.
Auf einmal fühlte er, wie seine Finger feucht
und klebrig wurden. Angewidert zog er sie zurück und
wischte sie am Mantel ab. Es war eine instinktive
Handlung, die er zunächst gar nicht bemerkte. Dann
betastete er den sackförmigen Gegenstand, der ihn zu
Fall gebracht hatte. Er fühlte sich weich und warm an
und hatte die Umrisse eines menschlichen Körpers.
Mit zitternden Händen zog der Anwalt sein Feuerzeug
heraus und versuchte es anzumachen. Seine nervösen
Finger schlugen mehrfach vergeblich gegen den
Feuerstein, bis endlich eine schwache Flamme aufglimmte.
In dem flackernden Licht sah er, was er lieber
nicht gesehen hätte. Er war über einen Toten gestürzt.
An dem Hinscheiden gab es keinen Zweifel. Der Mann
lag mit durchschnittener Kehle da, aus der immer noch
Blut herausströmte. Er konnte noch nicht lange tot sein.
Das Schlimmste aber kam noch. Als von Denker in das
vom Todeskampf verzerrte Gesicht blickte, erstarrte er:
Der Ermordete war sein neuer Mandant, auf den er so
viele Hoffnung gesetzt hatte. Der »König von Hannover
« hatte ausgerechnet im Schrankraum des Anwaltsvereins
ein Ende gefunden.
 
Ende der Leseprobe